
Veranstalter:innen:
Die Tagung wird von der Österreichischen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft und Volkskunde (ÖGKEW) und dem Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Innsbruck veranstaltet.
Programm und Anmeldung:
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Abstract CfP:
Die derzeitige Präsenz gewaltförmiger Praktiken in Politik und Gesellschaft macht es notwendig, Gewalt in ihren aktuellen Manifestationen zu beleuchten. Dies baut auf einer langen kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Praktiken der Gewalt auf. Bereits 1993 erfolgte mit dem 29. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Passau ein kritisches Nachdenken über "Gewalt in der Kultur".
Gewalt formt und durchzieht alltagskulturelle Diskurse und Praktiken und ist als ambivalentes Phänomen mit vielfältigen, teils konträren Bedeutungen aufgeladen. Sie ist sowohl disruptiv als auch produktiv, kann Leben zerstören oder schützen, Ungleichheit erzeugen oder reduzieren, Macht begründen und festigen, aber auch bestehende Verhältnisse aufbrechen. Gewalt hat damit das Potential, soziale Welten zu erodieren und zu gestalten.
In ihren unterschiedlichen Ausprägungen zeigt sich Gewalt individuell, kollektiv, in kulturellen, politischen oder religiösen Kontexten, als physische und psychische Gewalt sowie in gesellschaftlichen Strukturierungen, Techniken, Artefakten und Infrastrukturen oder als epistemische Gewalt, in westlichen und weißen Wissensregimen. Machtverhältnisse schreiben sich als symbolische Gewalt in Körper und Verfahrensweisen ein. Im Kontext des Anthropozäns wird (ökologische) Gewalt gegen nicht-menschliche Akteur:innen virulent. Diese ist eng verflochten mit der durch kapitalistische und neoliberale Logiken befeuerten ökonomischen Gewalt, die Ungleichheit hervorbringt. Analytisch lässt sich Gewalt unterscheiden vom verwandten Konzept der Macht: Gewalt bedeutet, Macht durchzusetzen, indem die Möglichkeiten anderer eingeschränkt werden oder ihnen Leid zugefügt wird.
Die Ausübung physischer Gewalt wird erleichtert durch Mechanismen des Otherings wie Enthumanisierung und Depersonalisierung. Kontrollierter, ’rationaler’ Gewalt, eingehegt durch Affektkontrolle oder Gesetze, steht mit Irrationalität konnotierte, unkontrollierte und unberechenbare Gewalt gegenüber. Das Spektrum der Gewalt umfasst subtile, abstrakte, unsichtbare Formen und alltägliche Mikrogewalt bis hin zu eruptiver Gewalt als Ausnahmesituation (z.B. Genozid). Gewalt verschiebt Maßstäbe der Normalität, verändert Empfindungen und Kognitionen, affiziert den Körper und richtet Subjekte zu.
Gewalt betrifft verschiedene Menschen unterschiedlich. Insbesondere marginalisierte Gruppen sind ihr ausgeliefert, seien es Frauen, Queers, rassifizierte Personen, Menschen mit Disabilities oder andere Personen, die von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffen sind. Opfer- und Täter:innenrollen können intersektional verschränkt sein. Dennoch ist Gewalt im Kontext immer noch wirkmächtiger patriarchaler Normen tiefgreifend vergeschlechtlicht: die überwiegende Zahl der Gewaltausübenden sind Männer, gleichzeitig wird dies jedoch als geschlechtsadäquates Verhalten normalisiert. Frauen werden dagegen vorwiegend als Opfer figuriert, weibliche Gewalt erscheint als deviant und monströs.
Gewalthandeln stößt auf unterschiedliche Grade der Akzeptanz, mit denen stets Effekte der Naturalisierung oder Skandalisierung verbunden sind: sie kann akzeptiert sein oder sogar als sinn- und gemeinschaftsstiftend, als notwendiger oder konstitutiver Bestandteil der sozialen Ordnung wahrgenommen werden, z.B. wenn sie der Sühne, der Disziplinierung oder Sanktionierung oder zur Selbstverteidigung dient. Gewalt kann sich jedoch auch als illegitim oder gar als Zivilisationsbruch präsentieren, wenn sie geltenden Normen zuwiderläuft.
Dass die Einhegung von Gewalt nicht als fortschreitender Zivilisationsprozess beschrieben werden kann, zeigen unter anderem die jüngsten Entwicklungen. Kriegsgewalt gewinnt als Mittel internationaler Auseinandersetzungen wieder an Bedeutung, ökonomische Gewalt zeigt sich in immer stärkeren Ungleichheiten und diskursive Gewalt bestimmt zunehmend gesellschaftliche und politische Aushandlungsprozesse, in Polarisierung, Verrohung und der abnehmenden Toleranz gegenüber anderen Auffassungen. In unserer Tagung wollen wir daher historische sowie gegenwartsorientierte Perspektiven auf Strukturen, Praktiken und Konjunkturen von Gewalt richten. Wie konstituieren sich Gewalträume und Topographien der Gewalt und durch welche Ermöglichungsbedingungen wird sie befeuert? Wie wird Gewalt erfahren und welche Sinnkonstruktionen und Narrative lagern sich an Gewaltphänomene an? Wie können wir Gewalt überhaupt erforschen und welche forschungsethischen Fragen stellen sich in gewaltförmigen Umgebungen?
