Nachruf

Hermann STEININGER (1940-2026)

Der forschende Bibliotheks-Direktorstellvertreter in Ruhe, Honorarprofessor am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien, Fachhistoriker und unermüdliche Museums- und Sammlungsbesucher, der stille Mentor und aufmerksame Kollege Hermann Steininger ist am 15 Jänner 2026 nach schwerer Krankheit in seinem Heimatort Perchtoldsdorf verstorben.
 Foto: Elmar Walter, 2025
(Foto: Elmar Walter, 2025)

Am 11. März 1940 in Wartberg im steirischen Mürztal als Sohn eines Schuldirektors geboren, maturierte Hermann Steininger nach Abschluss der Pflichtschulausbildung am Abteigymnasium in Seckau. Im Wintersemester 1958 nahm er ein Studium der Germanistik (v.a. bei Enzinger, Kranzmayer, Hornung und Höfler) und Geschichte (v.a. bei Fichtenau, Lhotsky und Zöllner – ihn faszinierte besonders die noch junge „Zeitgeschichte“ eines Ludwig Jedlicka) an der Universität Wien auf, das sich bald um die Volkskunde (Pflicht-VO bei Wolfram), fokussiert auf ihren Sachforschungsbereich (Schmidt, Klaar…), erweiterte. Schon vor seiner Dissertation veröffentlichte Steininger in der ÖZV einen Artikel zu einem Devotionalbrauch in seiner Heimatgemeinde Wartberg („Das Erhardiopfer in Wartberg im Mürztal, Steiermark“, ÖZV XVI/65 [1962], 210-232).

1964 promovierte Hermann Steininger mit der Dissertation „Die münzdatierte Keramik des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Österreich“ (publiziert 1964) bei Leopold Schmidt. Schon die Annahme und Durchführung dieses heiklen und arbeitsaufwändigen Dissertationsprojektes führte Steininger schließlich in die Depots zahlreicher österreichischer Museen und machte ihn als aufmerksamen und interessierten Beobachter – ganz nebenbei - mit deren vielfältigen Problemen vertraut. Diese Beobachtungen, die Steininger in Museen aller Größe, besonders in Wien und Niederösterreich anstellen konnte, sollten ihm pro futuro noch dienlich sein und ihn zu verschiedenen Hilfestellungen, nicht zuletzt auch über den Österreichischen Fachverband für Volkskunde/heute: Österr. Ges. f. Empirische Kulturwissenschaft und Volkskunde (= ÖGEKW), anregen. Seine „keramischen“ Anfänge sollte Steininger Jahre später beim, als Privatissimum mit Paul Stieber 1968 auf einer Berghütte in Osttirol begonnenen, „Internationalen Hafnerei Symposium“ (IHS, heute: „Internationales Symposium Keramikforschung“ des „Internationaler Arbeitskreises Keramikforschung“) forschend fortführen, dem er als Mitglied lange angehörte.
Die erfolgreiche Beendigung dieser Dissertation bürgte für Gelassenheit und Geduld des jungen Doktoranden bei der frustrierenden Lektüre der dürren Ergebnisse eines hoffnungsvoll an die Museen Österreichs versandten Fragebogens, bei Arbeiten noch ohne verbindliche Beschreibungstypologie, in Zeiten, wo die „Mittelalterarchäologie“ noch in den Kinderschuhen steckte, insbesondere bei akribischen, nicht enden wollenden Literaturrecherchen samt vieler durchforsteter und buchstäblich gefahrener leerer Kilometer noch weit vor heute üblicher IT-Unterstützung. Aufgrund der Dissertation verzichtete Steininger auf das ursprünglich geplante Lehramt für Gymnasien und stand vor dem nun risikoreichen Weg als Fachwissenschaftler.
 
Mit Juli 1964 konnte Steininger als Vertragsbediensteter des Amtes der Niederösterreichischen Landesregierung im Kulturreferat seine Arbeit aufnehmen. Dienstort war die Volkskundliche Abteilung des Niederösterreichischen Landesmuseums, das seit dem Kriegsende Teil des Kulturreferates war, damals noch in Wien situiert. Freilich versprach die neu geschaffene Stelle dem ambitionierten Volkskundler zunächst mehr, als sie im damals noch schwerfälligen und nach öffentlichen Verwaltungsvorstellungen funktionierenden Kulturapparat einlösen konnte. So waren weder große Ankäufe noch größere Ausstellungsprojekte volkskundlicher Art realisierbar, die ersten Anstrengungen galten inventarbezogener Basisarbeit unter räumlich und personell kargen Bedingungen.
Immerhin entstanden im Sonderausstellungsraum in der Herrengasse erste kleine Ausstellungen zu den Themen Münzdatierte Keramik der Neuzeit in Niederösterreich, Hinterglasbilder, Alltag im Biedermeier, Krippen oder kleine Andachtsbilder. Dazu verfasste Steininger in Zeitschriften wie „Kultur im Zeitgeschehen“, „Unsere Heimat“, „Das Waldviertel“ oder dem „Mitteilungsblatt der Museen Österreichs“ jeweils kurze, teils auch bebilderte Artikel. Auch in Ortsmuseen wie jenen in Lunz am See, Gmünd, Eggenburg oder Gutenstein kann Steininger erste Gestaltungsratschläge geben und Sammlungskataloge sowie Kurzdarstellungen zu Sonderausstellungen verfassen. Durch Dienstreisen und verschiedene private Besuche wird Steininger viele Sammlungsleiter:innen in Niederösterreich und darüber hinaus persönlich kennenlernen und es entspinnt sich ein Netzwerk des Austausches und der Problemanalysen. So publizierte Steininger schon 1970 zu einer möglichen Zentralkartei für Sachvolkskunde, die den Museen dienlich sein könnte.
Als Vertreter des Landes Niederösterreich im Gremium des damals noch im Aufbau befindlichen Österreichischen Freilichtmuseums in Stübing (Steiermark), über dessen Eröffnung 1970 er ebenso publizierte, konnte Steininger ein passendes Hofobjekt auswählen, dessen Übertragung in den Stübinggraben vorbildlich gelang. Mit der Zeit bekam Steininger auch die Sammlung der „Rechtsaltertümer“ des Niederösterreichischen Landesmuseums übertragen und konnte diese einerseits durch Umfragematerial, andererseits durch Fotos von Rechtsdenkmälern in situ erweitern. Auch zu Prangern, Marktsäulen, Bagsteinen und weiteren Rechtsdenkmälern in den verschiedenen Vierteln Niederösterreichs entstanden 1968ff. wichtige Beiträge.
 
Schon 1970 machte sich der aufrechte Demokrat und phasenweise zivilgesellschaftlich sehr engagierte (z. B. SOS für Wien) Hermann Steininger für ein geheimes Wahlprozedere innerhalb des 1958 in Saalfelden (Salzburg) gegründeten Österreichischen Fachverbandes für Volkskunde stark, was prompt dazu führte, dass der langjährige Gründungsvorsitzende Karl Ilg bei der Fachverbandstagung 1970 in Melk von Oskar Moser als neu gewähltem Vorsitzenden abgelöst wurde. Eine ähnliche Initiative, auch wenn sie dort nicht fruchtete, versuchte Steininger im Verein für Volkskunde in Wien umzusetzen. Allzu demokratischer Aktivismus war damals in diesen altehrwürdigen und von strengen Klientelsystemen der Patriarchen-Ordinarien gesteuerten Institutionen noch nicht gefragt.
Auch wenn innerhalb des Österreichischen Fachverbandes idealistisch geäußerte Vorschläge Steiningers zum Teil ungehört verhallten, darf als ein Erfolg des langjährigen Engagements zum Beispiel der Entwurf einer normierten Inventarkarte genannt werden, der innerhalb einer Arbeitsgruppe der Museumsleiter, der u.a. Volker Hänsel und Franz Maresch angehörten, erfolgreich umgesetzt wurde. Auch an Thesauri zur vereinheitlichten Inventarisierung wurde gearbeitet.
 
Nach einem unfreiwilligen Wechsel in die Niederösterreichische Landesbibliothek, war Steininger ab dem Jänner 1973 bis zu seiner Pensionierung für diese Institution tätig. Er war hier im „wissenschaftlichen Dienst“ beschäftigt, was eine regelrechte Bibliothekarskarriere, samt der entsprechenden Fachausbildungen, verunmöglichte. Dieser Umstand sollte der wissenschaftlichen Entwicklung sowie der innerfachlichen Vortrags-, Publikations- und Ausstellungstätigkeit aber nützen. Er gestaltete zum Beispiel im Foyer der Landesbibliothek regelmäßige kleine Ausstellungen zu ortshistorischen Jubiläen oder bezirksbezogenen niederösterreichischen Themenstellungen.
 
Über Empfehlung seiner Promotionskollegin Ingrid Kretschmer wurde Steininger auch Mitarbeiter am „Österreichischen Volkskundeatlas“, dem – teilweise zurecht in Bezug auf Inhalte, Protagonist:innen und Entstehung kritisierten - größten österreichischen volkskundlichen Forschungsprojekt nach dem Ende des II. Weltkrieges. Er zeichnete dort einerseits für die Karte, sowie den Kommentar „Volkskundliche und fachverwandte Museen und Schausammlungen“, im Bereich „Grundlagen“ (publiziert 1978), andererseits für das Thema „Ortsübliche Verbotszeichen“ bei Wegen, landwirtschaftlichen Flächen, Aufforstungen oder Weingärten durch Geländezeichen, geflochtene, gebundene oder gesteckte Buschen und Wische, Kreuze etc. (im Bereich „Rechtsvolkskunde“, publiziert 1973), verantwortlich.
 
Ein besonderes Interesse, publikatorisch 1968 begonnen („Zum Gedenken an den Rentner Wilhelm Illmayer“. In: Blätter für Heimatkunde 1968, S. 56-57) sollte Steininger lange begleiten und sich verdichten. Der große Respekt vor der Lebensleistung von sammelnden und publizierenden „Ortschronist:innen“, „Heimatforschenden“ oder ehrenamtlichen „Kustod:innen“ von Regional-, Orts- und Heimatmuseen, die mitunter Lehrer:innen, zuallermeist jedoch keine akademisch gebildeten Fachwissenschaftler:innen waren. Er hat in seinen Karteien, später Datenbanken viele Namen v.a. aus den österreichischen Bundesländern gesammelt und sich für deren Werke und Sammlungen interessiert.
Durch seine offene, humorvolle und kommunikative Art konnte Hermann Steininger immer wieder, egal ob im Rahmen dienstlicher oder privater Museumsbesuche mit diesen Kustod:innen, aber auch mit jungen Fachkolleg:innen, die zufällig an Ort und Stelle waren, spontan Kontakt knüpfen, etwas zu deren Forschungsschwerpunkten und Fachzugängen erfragen und umgekehrt kollegialen Rat aus seinem eigenen Erfahrungsschatz anbieten. Eine Eigenschaft, die als nicht-alltägliche Besonderheit seines Wesens bezeichnet werden darf.

Steiningers Karteien und später gut gepflegte Literatur-Datenbanken, ganz gleich ob topografisch, prosopografisch, oder thematisch, auf Niederösterreich fokussiert, oder auf das gesamte Bundesgebiet erweitert, egal ob nach künstlerischen Ansichten geordnet, monografisch oder nach Beiträgen und Rezensionen sortiert sind für ihn zu einem jahrzehntelang vermehrten und unverzichtbaren Arbeitsinstrument geworden. Auch die Privatsammlungen von halbgrauer, schwer erreichbarer, nur in (sehr) kleinen Auflagen hergestellter Literatur, genauso aber von Einladungen bzw. Tagungs-Programmen, egal ob des Österreichischen Fachverbandes oder anderer relevanter Institutionen, wurden wichtige Fundgruben. Der nach bestimmten Tagungsorten, -daten oder -inhalten suchende Kollege konnte sich verlassen: Was wo anders nicht mehr oder nur mühsam und zeitaufwändig zu finden gewesen wäre: Hermann Steininger hatte es gut geordnet und greifbar abgelegt.
 
Bei jährlichen Veranstaltungen der „Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Volkskunde“ (lange geleitet von Helene Grünn) im Niederösterreichischen Bildungs- und Heimatwerk nahm Steininger des Öfteren bereits als Fachreferent teil. Noch wesentlich intensiver sollte sich aber seine Beteiligung bei der „ARGE Heimatforschung“ gestalten. Hier wurde Steininger als Nachfolger von Herbert Loskott schließlich zum Vorsitzenden gewählt und gestaltete von 1987 bis 2004 nicht nur das vierteljährlich erscheinende und, von den am Schluss ca. 2000 Mitgliedern der ARGE, stark wahrgenommene Mitteilungsblatt, sondern viele offene und durchaus auch divergente Gesprächsrunden (gut beraten vom Zeithistoriker Heinz Arnberger) zu heimatkundlichen und zeithistorischen Themen im ganzen Land Niederösterreich, zu denen jeweils auch örtliche, politische Verantwortungsträger eingeladen waren. Einige Jahre kam dann auch noch die „ARGE Museen“ hinzu.
 
Privat war der fürsorgliche Familienvater und liebevolle Großvater Steininger mit Helene verheiratet, die ihn vielfach bei seinen Forschungen unterstützte; die beiden bekamen eine Tochter Christine.
 
Aus den jahrzehntelangen Kontakten zum Wiener Universitätsinstitut für Volkskunde (heute: Institut für Europäische Ethnologie) erwuchsen zumindest drei bemerkenswerte und kontinuierliche Tätigkeitsstränge. Erstens konnte Steininger, zuerst noch die damaligen Professoren Helmut P. Fielhauer und Károly Gaál, zunehmend Olaf Bockhorn bezüglich relevanter niederösterreichischer Dissertationsthemen beraten.
Zweitens entstanden aus der Beobachtung des dringenden Bedarfes und in Zusammenarbeit mit Olaf Bockhorn (teils auch mit Petra, Olafs Tochter) bzw. mit Wolfgang Hilger (der die Galerien dokumentierte) aktuelle, und mehrfach wieder aufgelegte Übersichten der Museen und Sammlungen Niederösterreichs, nach „Vierteln“ gegliedert, begonnen vom Industrie- (O. Bockhorn/Steininger/Hilger: Museen und Sammlungen in Niederösterreich. 1.: Viertel unter dem Wienerwald. 1981ff.) über das Wein- (O. Bockhorn/Steininger/Hilger: Museen und Sammlungen… 2.: Viertel unter dem Manhartsberg 1983ff.), das Wald- (O. Bockhorn/P. Bockhorn/Steininger: Museen und Sammlungen… 3. Viertel ober dem Manhartsberg, 1996) bis hin zum Mostviertel (Bockhorn/Steininger/Vitovec: Museen und Sammlungen… 4: Viertel ober dem Wienerwald, 2 Bde, 2017).

1992 und damit drittens wurde Steininger zum Honorarprofessor an das Wiener Institut für Europäische Ethnologie berufen, in dem er bereits seit 1984 als Lektor tätig war. Diese universitäre Lehrtätigkeit, die er bis 2019 ausübte, hat ihm besondere Freude bereitet und ihm die lebendige Vermittlung seiner Themenkomplexe an ein Publikum des Fachnachwuchses ermöglicht. Steininger war hier weniger der Methodenneuerer oder Theorie-Entwickler. Ihm ging es um die praxisnahe Vermittlung von Quellen, deren Auffindung und kritische, präzise Einordnung und Kommentierung sowie die Besichtigung von Anschauungsorten zur Wiener und niederösterreichischen Volks- und Landeskunde, wobei aktuelle gesellschaftliche Problemstellungen, die teilweise aus kulturhistorisch angelegten, gesellschaftlichen Disparitäten herrühren, nicht ausgespart blieben. Als fachlich objektnahe-kulturhistorisch sozialisierter Wissenschaftler im österreichischen Kulturraum war Steininger allzu theorielastigen und „abgehobenen“ Themenstellungen gegenüber skeptisch.
 
Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt Steininger mehrere Auszeichnungen, u.a. den Theodor-Körner-Preis und 2007 den Würdigungspreis für Erwachsenenbildung des Landes Niederösterreich, der ihm sehr wertvoll war.
 
Hermann Steininger war ein fleißiger, unermüdlich tätiger Kollege, ein Interessierter an fachlichen Entwicklungen, wenn er auch die eine oder andere Tatsache in den fachlichen Strömungen gerade der letzten Jahre eher skeptisch kommentierte. Er war ein kritischer Beobachter, einer der aus einem tiefen menschlichen Bedürfnis auch Aufmerksamkeit für Details, für das gerne Übersehene, auch für die (älteren) Kolleg:innen auf den Hinterbühnen, „im Schatten“, jenseits der ersten Reihen hatte. Steininger war ein stiller Mentor, ein unaufdringlicher, treuer, fürsorglicher Begleiter und Freund. Für Hermann Steininger hatten Begriffe wie Kollegialität, Idealismus und Redlichkeit noch Inhalt – er wird unserer Fachgesellschaft, all den Kolleg:innen und Heimatforschenden, vor allem den „Museumsmenschen“ Österreichs und darüber hinaus sehr fehlen!
 
 
Michael J. Greger, Salzburg

Der Verfasser hat Hermann Steininger erstmals anlässlich einer Tagung des österreichweiten Forschungsprojektes „Alltagskultur nach 1945“ vor etwa 20 Jahren auf Schloss Trautenfels kennengelernt.

Traueradresse: Familie Steininger, Aspettenstraße 30/6/4/13, 2380 Perchtoldsdorf

Österreichische Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft und Volkskunde

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